Nikolaikirche Leipzig (Foto: Dirk Goldhahn / Gancho)
Dirk Goldhahn / Gancho

Vom Friedensgebet zur Friedlichen Revolution

Der Herbst 1989 in Leipzig

Das 1000-jährige Leipzig ist mit seiner langen Stadtgeschichte Zeuge von vielen historischen Ereignissen geworden. Ein Ereignis ist dabei bis heute von besonderer Bedeutung für die Entwicklung von Politik und Gesellschaft: die Friedliche Revolution, die vor 25 Jahren ihren Anfang in Leipzig nahm. Tausende Leipziger Bürger zeigten Mut und Courage und schrieben damit Geschichte. Im Jahr 2014 wird das Jubiläum dieses Ereignisses mit einem großen Lichtfest am 9. Oktober auf dem Augustusplatz und dem gesamten Innenstadtring gefeiert.

Alles begann mit einem Gebet

Bis zum Fall der Berliner Mauer war es ein langer Prozess. Seit November 1982 fanden in der Leipziger Nikolaikirche, immer montags, Friedensgebete statt. Auch heute steht die Nikolaikirche allen interessierten Besuchern offen und erinnert an die Friedliche Revolution. Im Sinne der evangelischen Friedensbewegung traf man sich an jenen Montagen zum Gebet für den Frieden in der Welt. Organisiert von der Jungen Gemeinde Leipzig und deren Diakon Günter Johannsen, wurden die Gebete später von den Pfarrern Christoph Wonneberger und Christian Führer weiter organisiert. Nach anfänglich zaghafter Beteiligung wohnten immer mehr Menschen den Treffen bei. Natürlich war auch die Stasi (MfS) an diesen Treffen interessiert. Die Friedensgebete boten Raum für Austausch und Gedenken in intimer Atmosphäre.

Immer mehr Menschen kommen in die Nikolaikirche

Schon im Herbst 1988 begannen die Besucherzahlen zu den Leipziger Friedensgebeten auf Grund der verstärkten gesellschaftlichen Debatten weiter zu steigen und die Friedensgebete bekamen auf einmal eine erhebliche politische Relevanz. So versuchte der DDR-Staat Einfluss auf den Verlauf der Veranstaltung zu nehmen, was dazu führte dass zunehmend Aktionen im Anschluss an das Gebet stattfanden. Viele Teilnehmer und Teilnehmerinnen verweilten auch noch nach dem offiziellen Friedensgebet auf dem Nikolaikirchhof und tauschten angeregt Informationen und Meinungen aus. So bot der Hof um die Nikolaikirche eine nie gekannte Öffentlichkeit für neue Ideen.

Für Gerechtigkeit und Freiheit

Im Laufe des Jahres 1989 kamen immer mehr Besucher in die Nikolaikirche. Außerdem gab es Flugblattaktionen und kleinere Demonstrationen, die unter anderem eine „demokratische Erneuerung der Gesellschaft“ forderten oder sich mit Themen, wie der massiven Umweltverschmutzung beschäftigten. Nachdem am 11. September 1989 über 1.000 Menschen an den Friedensgebeten in der Nikolaikirche teilgenommen hatten, riegelte die Volkspolizei den Nikolaikirchhof ab. Von den Besuchern wurden 89 Personen festgenommen und mit Ordnungsstrafen von bis zu 5000 Mark bestraft. Auch am 18. September war die Nikolaikirche mit Besuchern überfüllt. Der Kirchhof wurde von der Volkspolizei abgeriegelt und wieder kam es zu demütigenden Festnahmen. Eine Woche später nahmen schon 5.000 Menschen an der sich anschließenden Montagsdemonstration teil. Da der Weg zum Markt von der Polizei abgeriegelt war, verlagerte sich der Menschenzug Richtung Karl-Marx-Platz und führte über den Ring bis zur „Runden Ecke“ dem Sitz der Zentrale des MfS. Am 2. Oktober demonstrierten bereits 20.000 Menschen auf dem Leipziger Ring. Während des Zuges zur Thomaskirche wurde eine Polizeikette durchbrochen, woraufhin die Polizei mit Hunden und Schlagstöcken gegen die Demonstranten vorging und es wieder zu Festnahmen kam. Immer mehr Polizisten forderten den Einsatz von Waffengewalt.

Der 9. Oktober 1989

Am 9. Oktober standen rund 8.000 Polizisten, Kampfgruppenmitglieder und NVA-Soldaten um die Nikolaikirche bereit. In den Leipziger Krankenhäusern waren bereits Blutkonserven aufgestockt worden und medizinisches Personal zwangsverpflichtet. Schon gegen 14 Uhr war die Nikolaikirche mit circa 600 MfS-Mitarbeitern besetzt. Trotz der Gefahr eines gewaltvollen Gegenschlags, fanden sich an diesem Tag 70.000 Bürger nach dem Friedensgebet zusammen. Kurz vor Schluss des Gebets wurde der „Aufruf der Leipziger Sechs“ verlesen, in dem zur Gewaltlosigkeit gemahnt wurde. Und tatsächlich verlief die Massendemonstration ohne jede Gewaltanwendung. Auf den Treppen den „Runden Ecke“ wurden Kerzen abgestellt.

Im Nachhinein werden die Ereignisse im Herbst 1989 als Wendepunkt in der Politik der DDR gesehen. Die mächtigen Staatsvorsitzenden gingen von Ignoranz und Konfrontation in zunehmende Gesprächsbereitschaft über. Erst mit der friedlichen Demonstration vom 9. Oktober waren Maßnahmen möglich, die zum erfolgreichen Gelingen der Wende und schließlich zum Mauerfall am 9. November 1989 führten.

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